Kennt ihr das? Ich sehe Fitnessstudios immer wieder Leute, die wirklich viel und regelmäßig trainieren, aber irgendwie kommen sie trotzdem nicht so richtig vorwärts. Auch wenn sie schon seit ein paar Jahren Krafttraining machen, schaffen sie es trotzdem nicht, ihr vorhandenes Potential auszuschöpfen und in den Status „Fortgeschritten“ zu kommen. Wenn man dann mal genauer schaut, dann machen sie oft in jedem Training immer das gleiche Gewicht mit den gleichen Sätzen und der gleichen Wiederholungszahl. Damit wir stärker werden, müssen wir allerdings einen trainingswirksamen Reiz setzen. Wenn wir aber jedes Training wieder das gleiche machen, dann sieht unser Körper keine Notwendigkeit, stärker zu werden. Er schafft das Gewicht ja schließlich auch schon und weiß was ihn immer wieder erwartet. Die Belastung übersteigt nicht seinen aktuellen Stand, also gibt es auch keinen Grund, Kraft oder Muskeln aufzubauen.
Klar, ab einem gewissen Punkt wird es ja auch immer schwieriger, noch weiter stärker zu werden. Irgendwann hat man dann auch mal seine natürliche Grenze erreicht, an der es, wenn dann, nur noch mit sehr viel Aufwand weiter geht. Aber von diesem Punkt rede ich hier nicht. Es geht mir um Trainierende, die trotz längerer Trainingserfahrung noch weit von ihrer tatsächlichen Grenze weg sind und trotzdem keine Fortschritte im Training machen.
Na gut, es kommt natürlich auch immer aufs Ziel an. Aus gesundheitlicher Sicht alleine ist Training mit immer den gleichen Gewichten auch grundsätzlich erstmal nicht schlecht. Die Muskeln werden trotzdem belastet und es hilft, die Kraft und die Muskelmasse die man schon hat auf einem guten Niveau zu halten. Es wird aber kein Reiz gesetzt, der dem Körper zeigen würde, dass er stärker werden soll. Aber in der Regel ist ja trotzdem genau das das Ziel, im Training auch weiterhin stärker zu werden. Und auf Dauer ist es natürlich auch motivierender, wenn man Fortschritte sieht. Vielleicht findet sich ja jetzt auch der ein oder andere von euch in dieser Beschreibung wieder und wundert sich, warum er seit langer Zeit keine wirklichen Fortschritte mehr macht.
Das Zauberwort für guten Fortschritt beim Training heißt in dem Fall "Progressive Overload". Also das regelmäßige und gezielte Steigern der Belastung.
Ein Anfänger, der gerade erst mit dem Training beginnt, kann meistens bei fast jeder Trainingseinheit seine Trainingsgewichte steigern. Das fühlt sich natürlich gut an und bringt auch Motivation. Allerdings wird dieser Fortschritt mit der Zeit immer kleiner und so trifft jeder Trainierende irgendwann mal auf ein Plateau, an dem es gefühlt nicht mehr vorwärts geht. An diesem Punkt verlieren manche Trainierende dann schon ganz die Motivation fürs Training und andere denken, sie haben ihre natürliche Grenze erreicht und bleiben dann einfach an diesem Punkt mehr oder weniger stehen.
Aber an dieser Stelle ist die Grenze, was ein Mensch im Training erreichen kann, natürlich noch lange nicht erreicht. Es geht halt nur nicht mehr fast von alleine vorwärts, sondern erfordert etwas mehr Planung.
Ich zeige euch ein paar Varianten, wie ihr mit progressive Overload arbeiten könnt, um auch mit einem bereits etwas fortgeschritteneren Trainingsstand noch weiter Fortschritte zu machen.
Die einfachste Variante – Die lineare Progression:
Wie der Name es schon erahnen lässt, ist das Ziel bei der linearen Progression, dass wir bei jeder Trainingseinheit das Gewicht etwas weiter steigern. Also im Prinzip das, was die meisten Anfänger auch machen. Wir sprechen hier aber nicht von großen Schritten. In der Regel steigern wir um die kleinstmögliche Stufe. Natürlich können wir als etwas fortgeschrittenerer Athlet dann aber nicht mit unserem Maximalgewicht starten und erwarten, dass wir trotzdem jede Woche weiter hochgehen können. Wenn es so einfach wäre, wären wir ja gar nicht erst auf einem Plateau.
Die ganze Zeit mit seinem maximal möglichen Gewicht zu trainieren ist wahrscheinlich sowieso keine so gute Idee, aber das ist wieder ein anderes Thema.
Wir beginnen also mit einem Gewicht, das etwas darunter liegt. Als Beispiel nehmen wir einfach mal an, dass ein Athlet 100 kg beim Kniebeugen für 5 Wdh sauber schafft. Dann könnten wir die Progression mit 90 kg für 5 Wdh starten und dann jede Woche um 2,5 kg erhöhen. Die 90 kg sind immer noch schwer genug, dass wir über der trainingswirksamen Schwelle liegen, aber wir haben noch genug Luft nach oben, um in den nächsten Einheiten weiter steigern zu können. So wären wir dann in Woche 5 wieder bei dem bisherigen Maximum von 100 kg angekommen und sind dann hoffentlich in der Lage, in Woche 6 über die 100 kg hinauszugehen.
So steigern wir jetzt das Gewicht weiter, solange es halt möglich ist. Wenn wir an den Punkt kommen, an dem das Gewicht nicht mehr weiter hochgeht, können wir wieder einen Schritt zurückmachen und den nächsten Anlauf starten. Also sagen wir mal, wir konnten uns bis 105 kg steigern, bei der nächsten Steigerung haben wir aber keine 5 Wdh mehr geschafft. Jetzt könnten wir die nächste Runde bei 95 kg starten und uns dann wieder nach oben arbeiten.
Einfach gesagt machen wir immer wieder einen kleinen Schritt zurück, um neuen Anlauf nehmen zu können, zum nächsthöheren Gewicht.
Diese Variante funktioniert in der Regel eine ganze Zeit lang recht gut, hat aber natürlich auch irgendwann seine Grenzen, weil wir einfach nicht bis ins Unendliche weiter steigern können. Manchmal dauert es auch mehrere Anläufe bis wir ein neues Maximum erreichen. Davon dürfen wir uns dann nicht entmutigen lassen. Je fortgeschrittener wir sind, desto kleiner werden einfach die weiteren Fortschritte.
Hier habe ich aber noch eine andere Variante, die ich auch gerne verwende. Zwar wollen wir hier auch mit der Zeit das Gewicht immer weiter steigern, allerdings erfolgt die Belastungssteigerung in kleineren Schritten, weil wir nicht jede Woche das Gewicht direkt steigern, sondern die Wdh Zahl als zusätzlichen Parameter mit dazu nehmen. Wir trainieren dabei nicht mit einer festen Wiederholungszahl, sondern in einem festgelegten Wdh Bereich.
Wir bleiben wieder beim Beispiel mit den Kniebeugen.
Wir nutzen diesmal einen Wdh Bereich von 4-6 Wdh.
Wir starten diesmal mit 95 kg und machen damit z. B. 3 Sätze mit je 4 Wiederholungen, in der nächsten Woche schaffen wir im ersten Satz dann vielleicht schon 5 Wiederholungen, und in der dritten Woche beim zweiten Satz auch. So versuchen wir von Woche zu Woche die Wiederholungen zu steigern, bis wir in jedem der 3 Sätze 6 Wdh schaffen. Jetzt steigern wir erst das Gewicht. Auch wieder um die kleinst mögliche Stufe. Mit mehr Gewicht schaffen wir jetzt vielleicht erstmal wieder nur 4 Wiederholungen. Da geht das Spiel jetzt wieder von vorne los. Wir steigern so lange die Wiederholungen mit dem neuen Gewicht, bis wir wieder 6 Wiederholungen in jedem Satz schaffen, um dann wieder das Gewicht zu steigern.
So haben wir viel kleinere Abstufungen drin als bei der vorher gezeigten einfachen linearen Progression. Wir können weiterhin in jeder Trainingseinheit die Belastung bei den Kniebeugen steigern, aber stoßen nicht so schnell an unsere Grenze wie vorher.
Ihr seht schon, das ist ein langfristig angelegter Plan. Aber so läuft es im Training einfach. Wenn ihr langfristig und dauerhaft Erfolge habe wollt, dann braucht ihr einfach auch etwas Geduld im Training.
Die Beschreibung ist für die Übersichtlichkeit natürlich jetzt vereinfacht. Auch mit diesen Varianten ist es wahrscheinlich nicht jede Trainingseinheit möglich, die Belastung einfach immer weiter zu steigern. Manchmal dauert es vielleicht auch 2 oder 3 Einheiten, bis wir den nächsten Schritt machen können. Und in manchen Trainingseinheiten sind wir vielleicht auch mal schwächer als in der vorherigen Einheit. Das ist völlig ok. Wichtig ist es nur, dass wir trotzdem konstanten Fortschritt einplanen, auch wenn dieser vielleicht nur langsam ist. Nochmal, je weiter fortgeschritten wir im Training sind, desto langsamer kommen wir nur noch vorwärts und sehr erfahrene Athleten arbeiten eventuell auch wochen- oder monatelang an einem kleinen Fortschritt in einer einzelnen Übung. Der Unterschied ist aber, dass sie immer noch auf diesen Fortschritt hinarbeiten und nicht einfach mit den immer gleichen Gewichten vor sich hin trainieren und darauf hoffen, dass aus dem nichts irgendein Sprung passiert.
Wichtig beim Steigern ist es aber natürlich auch, dass wir weiterhin mit sauberer Technik arbeiten. In dem Moment an dem wir anfangen mit Schwung zu arbeiten, in der Bewegung auszuweichen oder den Bewegungsumfang einfach verkleinern, bescheißen wir uns einfach nur selbst und haben keinen echten Fortschritt mehr, auch wenn wir dadurch vielleicht in dem Moment mehr Gewicht bewegen. Langfristig müssten wir so für jeden Fortschritt immer mehr bescheißen. Und die abschreckenden Beispiele dafür, wie das dann aussehen kann, habt ihr bei euch im Fitnessstudio bestimmt auch rumlaufen. Das wollen wir also nicht.
Noch ein wichtiger Punkt zur Trainingsplanung:
Diese Progressionen machen wir natürlich nicht mit allen Übungen in unserem Trainingsplan gleichzeitig, sondern wir suchen uns die für uns wichtigsten Hauptübungen raus, die wir gezielt pushen wollen. Bei Powerliftern sind das in der Regel Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben, aber das kann für jeden Trainierenden natürlich unterschiedlich sein, wo die Schwerpunkte liegen sollen.
Wenn wir versuchen, zu viele Übungen gleichzeitig zu pushen, kann es zu Überlastungen kommen und der gewünschte Fortschritt bleibt aus. Vor allem wenn dann alle Übungen gleichzeitig ihren Peak in einer Woche erreichen. Je fortgeschrittener wir werden, desto mehr Fokus müssen wir auf eine einzelne Übung legen, um hier noch weiter vorwärts zu kommen. Es kann also sein, dass ich in einem Trainingsblock den Fokus auf die Kniebeugen lege, um da den nächsten Schritt vorwärts zu kommen und dann im nächsten Block einfach nur versuche, den Fortschritt zu halten und dafür den Fokus jetzt z. B. aufs Bankdrücken legen, um hier stärker zu werden.
Ihr seht also, es kommt sehr stark darauf an, in welchem Trainingsstand wir stehen, wie schnell wir Fortschritte machen oder wie viele Übungen wir gleichzeitig pushen können. Der wichtigste Take away von diesem Artikel für mich soll aber sein. Wir sollten, egal in welchem Trainingsstatus wir sind, versuchen, weiterhin stärker zu werden. So stellen wir sicher, dass wir einen trainingswirksamen Reiz setzen und dass wir das meiste aus unserer investierten Zeit und Arbeit herausbekommen.